Themenverbund

Seit 2006 lebt mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung in Städten, in Europa bis zu zwei Drittel. Die größten Zuwächse verzeichnen so genannte Megastädte wie Mumbai, Tokyo oder Mexiko-Stadt sowie urbane Agglomerationsräume (Metropolregionen) wie das ägyptische Nil-Delta (ca. 60 Mio Einw.) oder das deutsche Ruhr-Gebiet (ca. 5 Mio Einw.). Stadtplanung, Stadtentwicklung und urbane Lebensform unterliegen in diesem Prozess einem rasanten Wandel, dessen Relevanz und Aktualität in der heutigen human- und technikwissenschaftlichen Forschung unbestritten ist. Ein neuer Ansatz in der Stadtsoziologie operiert mit dem Begriff der „Eigenlogik der Städte“, um die für moderne urbane Gesellschaften und Räume konstitutiven Prozesse zu erforschen (Projekt TU Darmstadt 2006-2008). Angeregt durch Max Weber und Georg Simmel, stehen moderne Großstädte als Knotenpunkte kultureller Dynamiken auch im Fokus kulturwissenschaftlicher Studien. Die neueren Urban Studies stilisieren die neuzeitliche Metropole geradezu zum „privilegierten Topos der modernen Welt“ (Ian Chambers) oder zur „Landmarke der Globalisierung“ (Georg-Simmel-Zentrum für Metropolenforschung, HU Berlin).

Aus historischer und europäischer Sicht liegt die Feststellung nahe, dass bereits in früheren Epochen die großen Städte der Gesellschaft kulturelle Impulse und funktionales Potenzial zur Verfügung stellten und damit – trotz eines allgemein deutlich geringeren Urbanisierungsgrades – zu symbolischen ‚Landmarken‘ ihrer Epochen werden konnten: die griechische Polis, Rom, die mittelalterliche Kommune, die frühneuzeitliche Residenzstadt. Für den Architekturhistoriker Leonardo Benevolo sind gerade die europäischen Städte „eine – vielleicht die hauptsächliche – Ursache dafür, daß Europa sich als eine historische Einheit zu erkennen gibt“. Gerade das kulturelle und kreative ‚Kapital‘ großer Städte spielt im Konzept der „Eigenlogik“ eine wichtige Rolle und wird als konstitutives Merkmal moderner ‚Metropolität‘ gewertet und gefördert. Die kulturelle Dimension des Urbanen weist dabei sowohl epochenspezifische distinktive Qualitäten (besonders zwischen Antike und Mittelalter) als auch unübersehbare Kontinuitäten und strukturelle Gemeinsamkeiten zwischen verschiedenen Epochen und Kulturen auf. Die longue durée der europäischen Metropole seit der Antike, die Untersuchung des Wandels ihrer funktionalen und symbolischen Qualitäten und damit die Historisierung des für die Moderne essentiellen Prozesses der Urbanisierung, stellt bislang ein nicht gelöstes Problem der kulturwissenschaftlich orientierten Forschung dar.

Der größere Teil der mitwirkenden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler gehört dem Forum Mittelalter der Universität Regensburg an. Das Forum Mittelalter ist ein interdisziplinärer Forschungsver­bund Regensburger Mediävisten, der sich seit 2003 der mittelalterlichen Stadtforschung in europäischer Perspektive widmet. Durch Sommerschulen, Doktorandenkolloquien, ein vom Forum initiiertes DFG-Nachwuchsnetzwerk „Junge Städteforschung“ (unter dem Titel: „Geordnete Vielfalt? Differenz und Dynamik in vormodernen Städten“), den interdisziplinären Masterstudiengang „Kulturgeschichtliche Mittelalterstudien“ und Ringvorlesungen leistet das Forum Mittelalter seit Jahren wesentliche Beiträge in der Vernetzung von Forschung und Lehre. Auf den Internationalen Tagungen, in regelmäßigen Vortragszyklen und in thematischen Sammelpublikationen wurden in den vergangenen Jahren insbesondere die spezifischen Voraussetzungen, Formen und regionalen Differenzen urbaner Kommunikation und Repräsentation erhoben, sowie mit der Raumthematik eine wichtige Perspektive für die vergleichende, interdisziplinäre und kulturbezogene Städteforschung erschlossen: 2006: „Kommunikation in mittelalterlichen Städten“; 2007: „Repräsentationen der vormodernen Stadt“; 2008: „Urbane Räume in der Vormoderne“; 2009: „Städtische Kulte im Mittelalter“.

Gezielt richtet sich der beantragte Themenverbund auf die Erweiterung der mediävistischen Perspektive, indem Kontinuitäten und Zäsuren vom antiken Städtewesen bis zur vorindustriellen Metropole in den Mittelpunkt gerückt werden. Mit einer solchen Initiative kann in Regensburg, aufbauend auf den erprobten und international angesehenen Strukturen des Forums Mittelalter, ein deutschlandweit einmaliges Kompetenzzentrum zur europäischen Stadt der Vormoderne entstehen. Bei der Formierung eines interdisziplinären und epochenübergreifenden Themenverbundes nimmt auch die beantragte Regensburger Forschergruppe „Urbane Räume und ihre kulturelle Dynamik im Mittelalter“ eine wichtige Stellung ein. Sie besteht aus neun mediävistischen Teilprojekten, die – unter Beteiligung von Kunst-, Literatur-, Sprach-, Musik-, Rechts-, Philosophie- und allgemeiner Stadtgeschichte – danach fragen, welche kulturellen Prozesse sich in und zwischen urbanen Binnenräumen, überregional bedeutenden Metropolen und größeren Städtelandschaften sowie zwischen urbanen und nicht-urbanen Räumen abspielen.

Im Medium gemeinsamer Fachtagungen, Doktorandenkolloquien und Ringvorlesungen sollen zunächst die gemeinsam zu entwickelnden Forschungsperspektiven für dieses ‚Langzeitprojekt’ erprobt und zur Diskussion gestellt werden, um im zweiten Schritt tragfähige Konzepte für drittmittelgeförderte Verbundinitiativen zu erarbeiten, die die vorhandenen Strukturen zugleich erweitern und integrieren. Durch inländische und internationale Kooperationspartner ist zudem die Anschlussfähigkeit des Projektes an laufende Forschungen im europäischen Rahmen gesichert. Zu diesen Partnern zählen u.a. die École française de Rome, die École pratique des hautes études en sciences religieuses in Paris, der ehemalige Trierer Sonderforschungsbereich 235 „Zwischen Maas und Rhein. Beziehungen, Begegnungen und Konflikte in einem europäischen Kernraum von der Spätantike bis zum 19. Jahrhundert“, das Institut für Vergleichende Städtegeschichte in Münster und das Mittelalterzentrum der Universität Freiburg.

 

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